Erhalt des Horst-Kohnejung-Preises 2007
Der Geschichtsverein des Kreises Euskirchen mit seinem Vorsitzenden Dr. Reinhold Weitz erhielt den mit 5000€ dotierten Horst-Kohnejung-Preis 2007.
Laudatio der letzjährigen Preisträgerin, Dr. Karola Frings (pdf)
Erwiderung des Vorsitzenden Dr. Reinhold Weitz (pdf)
Reden anlässlich der Verleihung des Horst-Konejung-Preises der Konejung Stiftung: Kultur am 23. Oktober 2007:
Laudatio auf den Geschichtsverein des Kreises Euskirchen mit seinem Vorsitzenden Dr. Reinhold Weitz durch Frau Dr. Karola Frings
„Ich will eine Geschichte (...) schreiben, die darüber Gewissheit schaffen soll, wie die Menschen im Kreis ihrer Familien lebten und welche Künste sie gemeinsam pflegten (...). Mein Gegenstand ist die Geschichte des menschlichen Geistes und nicht die ausführliche Aufzählung unbedeutender Tatsachen; auch mit der Geschichte großer Herren will ich nichts zu tun haben (...); aber ich will wissen, über welche Stufen die Menschen vom Zustand der Barbarei zur Zivilisation übergingen.“
Mit diesem Blick auf die Geschichte begründete Voltaire eine völlig neue Sicht auf die Vergangenheit, wie er ja überhaupt als einer der bedeutendsten Aufklärer des 18. Jahrhunderts das Denken revolutionierte und damit selbst „Geschichte machte“. Dass sich der Geschichtsverein des Kreises Euskirchen in die Tradition Voltaires stellt, finde ich ebenso bemerkens- wie lobenswert. Geschichte soll, so heißt es nämlich mit Verweis auf den großen Franzosen auf der Internetseite des Vereins, „nicht das Gedächtnis beschweren, sondern den Verstand erleuchten“. Damit wird ein Anspruch formuliert, der für einen regionalen Geschichtsverein keineswegs selbstverständlich ist.
Geschichtsvereine sehen sich, zumal durch die universitäre Fachwissenschaft, oft einem doppelten Verdacht ausgesetzt. Der eine lautet, dass auf der Folie eines geographisch eng begrenzten Raumes eine rückwärtsgewandte Heimattümelei betrieben würde. Der andere, dass es den in solchen Vereinen engagierten Personen, oft so genannte „Barfuß“- oder „Hobbyhistoriker“, an dem notwendigen fachlichen Instrumentarium mangele. Der Geschichtsverein des Kreises Euskirchen ist vor solchen Verdächtigungen gefeit. Seine zahlreichen Aktivitäten und Publikationen sind dafür der beste „Beweis“, wenn es denn eines solchen Beweises bedürfte.
Nun ist es nicht einfach, das Wirken eines fast fünfzig Jahre aktiven Vereins in einer Laudatio, noch dazu vor einem ohnehin sachkundigen Publikum, angemessen zu würdigen. Ich möchte hier auch nicht einfach alles das aneinanderreihen, was der Verein seit seiner Gründung geleistet hat. Ich möchte vielmehr die Aspekte herausgreifen, die meinem Eindruck nach den Erfolg – und damit auch die Auszeichnung dieses Vereines mit dem Horst-Konejung-Preis – begründen.
Das ist ganz sicherlich zunächst einmal die hohe Kontinuität, die der Verein in seiner Arbeit aufweist. Für diese Kontinuität stehen nicht nur die langjährigen Vorsitzenden, der 1982 verstorbene Karl Otermann und der seit 1983 in dieser Funktion tätige Dr. Reinhold Weitz, sondern auch zahlreiche Mitglieder, die seit langen Jahren ihre Kompetenzen einbringen und damit das Vereinsleben aktiv gestalten.
Diese Kontinuität, die den Verein zu einer bedeutenden Instanz der regionalen Geschichtskultur hat werden lassen, beruht aber auch auf einer starken Basis sowie einer soliden Verankerung in der Region. Mehr als 800 Mitglieder ermöglichen es, auch größere Projekte über einen längeren Zeitraum zu verfolgen. Verankert ist der Verein in der Region durch ebenfalls langjährige und vielfältige Kooperationen mit lokalen und regionalen Behörden und Institutionen. Politik und Verwaltung des Kreises ziehen den Geschichtsverein gleichermaßen gerne als fachkundige Instanz heran, sei es bei der Beratung in Einzelfragen, sei es als Mitorganisator von Ortsjubiläen, Ausstellungen oder Unterrichtsmaterialien.
Die Vielfalt seiner Aktivitäten und die Breite seines Themenspektrums sind ein weiterer Baustein des Erfolgs. Mit regelmäßigen Vorträgen, Tagesexkursionen und Bildungsreisen hat der Verein nachhaltig das Interesse an Geschichte in der Region gefördert. Darüber hinaus erscheinen seit 1987 die meist mehrbändigen und anspruchsvollen „Jahresschriften“, die jeweils einen besonderen Schwerpunkt haben. Das Angebot des Vereins erstreckt sich über alle Epochen; in der Römerzeit ist man ebenso zu Hause wie im Mittelalter oder in der Zeitgeschichte.
Nun ist der Einwand berechtigt, dass viele dieser genannten Aspekte auch auf andere regionale Geschichtsvereine zutreffen. Und da würde ich Ihnen sogar Recht geben – wenn es da nicht ein herausragendes Merkmal geben würde, das diesen Geschichtsverein von anderen vergleichbaren, ebenfalls lange bestehenden Vereinen unterscheiden würde. Dieses Merkmal ist ganz unzweifelhaft seine Modernität. Er fühlt sich nämlich einer kritischen Lokalgeschichte aus dem Blickwinkel der Region und des Rheinlandes verpflichtet.
Die Liebe zur Heimat durch Geschichtsbewusstsein zu fördern, das war die Antriebsfeder der „Heimat- und Geschichtsfreunde des Kreises Euskirchen“ unter dem Vorsitz von Karl Otermann. Dr. Reinhold Weitz hat sich in diese heimatgeschichtliche Tradition gestellt, aber den Ansatz nach und nach methodisch und damit auch inhaltlich modernisiert. Ein kritischer und analytischer Zugang sowie Sozial-, Kultur- oder Mentalitätsgeschichte fanden so Eingang in das Repertoire des Vereins. Dieser Verdienst soll mit der Preisvergabe ebenfalls gewürdigt werden. Zwar geht der Horst-Konejung-Preis in diesem Jahr erstmalig nicht an eine Einzelperson, sondern an einen Verein, aber der Zusatz „mit seinem Vorsitzenden Dr. Reinhold Weitz“ soll anzeigen, dass der „primus inter pares“ benannt werden soll.
Reinhold Weitz, 1940 geboren, studierte nach dem Abitur Geschichte in Münster, Poitiers und Bonn, es folgten Staatsexamen und Referendariat im Höheren Schuldienst. Am Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande in Bonn arbeitete er im Anschluss zwei Jahre lang als Assistent. 1970 promovierte er über den „niederrheinischen und westfälischen Adel im ersten preußischen Verfassungskampf 1815-1823/24“. Sein Berufsleben verbrachte er als Gymnasiallehrer in Bonn, Zülpich und Euskirchen.
Aus der traditionsreichen Bonner landesgeschichtlichen Schule brachte Dr. Reinhold Weitz den grenzüberschreitenden Blick mit, ohne jedoch an die germanisch-völkischen Hegemonialvorstellungen der Bonner Landeshistoriker aus der NS-Zeit anzuknüpfen. Heraus kommt dabei eine enorme Kompetenz beim Aufzeigen lokaler und regionaler Entwicklungen, die frei von simplen lokalpatriotischen Reflexen ist. Die historischen Prozesse vor Ort werden in regionale, nationale und internationale Bezüge gestellt und kritisch analysiert.
Diesem Ansatz verpflichtet, erschienen in den letzten beiden Jahren Publikationen des Vereins, die eine besondere Würdigung verdienen. In zwei voluminösen Bänden haben drei Autorinnen und sechs Autoren den „Nationalsozialismus im Kreis Euskirchen“ untersucht, und sich dabei dem Alltäglichen ebenso intensiv gewidmet wie dem Außergewöhnlichen. Die Arbeit wird sicher lange Jahre ein wichtiges Referenzwerk bleiben und hoffentlich zu weiteren Studien anregen.
Mit dem deutsch-französischen Gemeinschaftswerk „Besatzungszeiten / Occupations“ wurde Neuland in der bi-nationalen Zusammenarbeit zweier Geschichtsvereine betreten. Der großformatige, in diesem Jahr begleitend zu einer Ausstellung erschienene Band, untersucht die deutsche Besatzung in den Ardennen 1914-1918 und die französische Besatzung des Rheinlandes 1918-1930. Damit wird auf vorbildliche Art eine Zeitspanne auf die Alltagserfahrung der deutschen und französischen Bevölkerung herunter gebrochen, ohne deren Kenntnis weder die Zeit des Nationalsozialismus zu begreifen noch die Bedeutung des guten deutsch-französischen Verhältnisses heute zu schätzen sind.
Beide Publikationen helfen uns, um an den Anfang zurück zu kehren, im besten Voltaire’schen Sinne, etwas darüber zu erfahren, „... über welche Stufen die Menschen vom Zustand der Barbarei zur Zivilisation übergingen.“ Der Geschichtsverein des Kreises Euskirchen mit seinem Vorsitzenden Dr. Reinhold Weitz ist daher vorbildhaft für eine regionale Geschichtsarbeit, welche die Nähe mit der Ferne, die Heimat mit der Fremde, zu verbinden vermag. Nicht zuletzt dafür erhält er den Horst-Konejung-Preis.
Herzlichen Glückwunsch!
(Dr. Karola Fings)
Erwiderung des Geschichtsvereinsvorsitzenden Dr. Reinhold Weitz anlässlich der Verleihung des Horst-Konejung-Preises 2007
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Geschrieben von Nicola Straub • Dienstag, 23. Oktober 2007 • Kategorie: Aktuelles