Titelbild "Rheinische Republikaner"

Die rheinischen Republikaner und das freie Land Rheinbach 1797 – Mehr als eine Fußnote der Geschichte                       

Referent und Autor: Dr. Reinhold Weitz

Manuskript des Vortrags vor dem Geschichtsverein des Kreises Euskirchen am 28. November 2023    

Einleitung

Auf einem amtlichen vergilbten Briefkopf aus dem Jahr 1797 der damals noch kurkölnischen Landstadt Rheinbach ist zu lesen:

République cisrhenane. Liberté, égalité, fraternité. Pays libre de Rheinbach.

Der Text stammt von dem „Bevollmächtigten bei der Stadtverwaltung“, dem commissaire du pouvoir executif par la voix du peuple … de Rheinbach Was so unglaublich anmutet, war der Versuch einer Staatsgründung und ist ein wenig bekanntes und verkanntes Thema aus der Revolutionsepoche im Rheinland.

Darf man es nur als „Fußnote der Welthistorie“betrachten, als Größenwahn von Phantasten und Möchtegern-Revolutionären? Oder – wohlwollender – als Wunschbild von/eines Träumer Idealisten und Schwarmgeistern?

Die zeitgenössischen Gegner sahen in dem Geschehen den Anti-Christen am Werk oder einen „Auswürfling der deutschen Nation“. Im Kontext des späteren deutschen Nationalismus, des Machtstaats und der völkischen Ideologie wurden aus den Akteuren wie denen in Rheinbach die vaterlandslosen Gesellen und Separatisten!                         

Es gilt also einiges aufzuarbeiten. Die Problematik beginnt bereits bei der Wortwahl. Wie soll das Gebilde, über das zu sprechen ist, benannt werden und wie die Beteiligten? Die Nachwelt spricht von einer Republik und von Revolutionären oder Neueren, für die Zeitgenossen waren es Jakobiner oder Klubisten, Patrioten, Republikaner und Freiheitsfreunde.   

Die Aufgabe kann auf einen reichen Quellenbestand zugreifen. Die große, vierbändige Dokumentensammlung des Archivars Joseph Hansen aus der Zwischenkriegszeit mit ca. 4000 Seiten und die nun digital zugängliche zeitgenössische Presse wie die behördlichen Verlautbarungen erleichtern die wissenschaftliche Arbeit. Ziel des Bemühens ist es, einem in der Forschung vernachlässigtem Thema einige neue Aspekte beizufügen und das Geschehen in einen größeren politologischen und sozialgeschichtlichen Kontext zu bringen.

Rheinbach 1797 – Die Vorgänge vor Ort

Die Fakten sind bekannt. Im Rat hatte es Auseinandersetzungen gegeben zwischen der Mehrheitspartei unter dem Schultheiß Tils, der die landständische Verfassung vertrat, und den Neueren mit den Schöffen Müller, Sartor und Flinck. Sie bildete nach Absetzung der alten Stadtregierung am 23. August die neue dreiköpfige Municipalität, wie sie von Bonn gewünscht war. Der Chronist und Hauptbeteiligte Johann Baptist Geich, ein Freiheitsfreund -wie er sich selbst bezeichnet – und wortmächtiger Publizist von damals 33 Jahren, berichtet über den Vorgang vom 4. September 1797, als die Stadt und im Beisein von 40 Deputierten aus umliegenden Ortschaften im Amt Hardt „für sich die Unabhängigkeit erklärt“ hat.

Ja, die ehemalige kurkölnische Stadt … war wirklich die erste auf dem linken Rheinufer, welche eine republikanische Form annahm … (Rheinbach) war das Muster der Völker Cisrhenaniens… (Es) versammelte sich das Volk auf dem Stadthause und erklärte … sich von den Gesetzen des Feudalsystems und all seinen Resultaten loszusagen und seine natürlichen Menschenrechtevindiciren wolle. Dies alles geschah öffentlich auf dem Gemeindehause… ein ewig denkwürdiger Tag in der Geschichte der Revolutionen

(ZS FrdFr 24. Januar 1798)

Die zeitgenössischen Quellen – bis hin zur Presse aus den europäischen Großstädten des Reichs- belegen die Vorreiterrolle der rheinischen Landstadt. Rheinbach sei die erste Kommune gewesen, die republikanisiert worden sei und habe gezeigt, dass kleinere Vereinigungen in einen großen Bund, in einen Freistaat unter französischem Schutz, zusammenfließen könnten. Die neuen Municipalitäten haben sich unter dem Namen der Cisrhenanischen Republik förmlich für unabhängig erklärt, so kommentiert ein Hamburger Zeitungskorrespondent.

Historisches Dokument: Auszug aus den Protokollen der Intermediär-Kommission
Historisches Dokument: Auszug aus den Protokollen der Intermediär-Kommission

Gewichtiger und ausschlaggebender zu nehmen als die veröffentlichte Meinung ist die Auffassung und Haltung der staatlichen Seite. Die Zentrale der neuen französischen Macht, die commission intermédiaire oder Intermediärkommission bzw. Mittelkommission in Bonn, erklärt durch ihren Präsidenten Henri Shee ihr Einverständnis im Dekret vom 5.  September 1797:

Nach Berichten an den General en Chef haben mehrere Gemeinden der eroberten Länder, namentlich die Stadt Rheinbach und umliegende Gegend… öffentlich den Wunsch geäußert, sich eine republikanische Verfassung zu geben …Da darauf der GeneralHoche, oberster Befehlshaber der französischen Armeen am Rheine, der Intermediärkommission in seinem Schreiben vom 27. Fructidor zu erkennen gegeben, dass er gesinnt sei, obgenannten Gemeinden die Ausübung ihrer Rechte … zu erleichtern und In Erwägung, dass es höchst billig ist, die Völker … in den Stand zu setzen, sich selbst eine ihnen anständige Regierungsform zu wählen… Beschließt die Intermediärkommission: Die Gemeinden der fünf Bezirke, welche…gewillt sind,die alte Regierungsform zu verändern und dafür eine Republikanische Verfassung unter dem Namen der Cisrhenanischen Republik einzuführen, sollen… von allen Feudal-Lasten und Zehnden befreit sein …

Der französische Militärbefehlshaber und Chef der Zivilverwaltung spielt die entscheidende Rolle. Der 29-jährige Lazare Hoche hat schon eine steile Karriere als Revolutionsgeneral vorzuweisen und besitzt das Vertrauen des Pariser Direktoriums. Seit seinem Sieg über die Reichstruppen/-armee bei Neuwied entscheidet er mit über die Zukunft am Rhein. Die Kampagne für eine cisrhenanische Republik war schon seit Mitte 1794 in Gang gekommen, als die Franzosen nach einem militärischen Sieg gegen die Österreicher ein zweites Mal die Landstriche links des Rheins besetzten. Die Zentren der Bewegung lagen diesmal zwischen Aachen, Köln, Bonn und Koblenz; die cisrhenanische Republik bestand in den Monaten September und Oktober 1797.

Am 13. April 1797 verfügte das Direktorium als französische Regierung mit drei Stimmen und zwei Enthaltungen die Bildung einer „république sœur“, einer Schwesterrepublik, am linken Rheinufer ( HANSEN III, 1189ff ) Jede Stadt und jedes Dorf oder auch beliebige Verbindungen aus beiden haben das politische Selbstbestimmungsrecht und können sich als freie Nation konstituieren. Hoche begrüßt in einem Schreiben aus dem Hauptquartier in Wetzlar an seinen Vertrauten Shee ausdrücklich die Aktion in Rheinbach: La glace est donc enfin rompue … et l’arbre de la liberté planté dans le canton de Rheinbach (12. Sept. 1797). Und dem Direktorium teilt er am 13. September stolz mit : Les habitants de la rive gauche proclament hautement les droits de l’homme… Le canton entier de Rheinbach s’est déclaré indépendant et a pris le nom de la République cisrhenane … Quelle utilité peut nous être un peuple libre entre l’Empire et nous!  

Die lokalen Erfolge der Freiheitsfreunde, wie sie sich selbst nannten, vor Ort bestätigen die französische Lagebeurteilung. Die Bewegung zog schnell weitere Kreise. Wenige Tage nach der Rheinbacher Proklamation erklärte sich auch die Landbevölkerung in (Dom-)Esch, Flerzheim, Stotzheim und Lengsdorf für unabhängig. In Enzen wird auf Initiative eines Bürgers Frings bei Widerspruch von 7 Gemeindemitgliedern, aber im Beisein von 23 der übrigen ein cisrhenanischer Freiheitsbaum gepflanzt.

Am 17. September wird in Köln eine cisrhenanische Republik ausgerufen, am 22. des Monats in Bonn. Der Arzt Dr. Anschel und der Akademieprofessor Franz Gall fordern die Bürger auf:  Italien ist uns vorangegangen, hat die Rechte der Menschen proklamiert und ist ein freier, selbständiger Staat geworden. Wir wollen diesem Beispiel folgen. In Koblenz, wo bereits am 14. September die cisrhenanische Tricolore gehisst wurde, ist eine Gruppe um den Gymnasialprofessor Heinrich Gerhards, den Klubisten Matthias Metternich und den jungen Joseph Görres besonders aktiv. Sie publizierte zeitgleich mit Rheinbach am 5. September einen „Aufruf an die Landleute des linken Rheinufers“. In einfacher Sprache wurden handfeste Forderungen gestellt, die fast klassenkämpferisch egalitär klingen. Sie seien keine Anti-Christen, sind aber gegen Herrsch- und Gewinnsucht der Pfaffen. Sie wollen eine freie Nation wie die Italiener…(eine) Verfassung, worin der Landmann als die erste arbeitende und erwerbende Klasse des Staates auch den ersten Rang besitzt, wo jeder von Euch, wenn er Talente dazu hat, sich zur höchsten Stelle emporschwingen kann. Die Justiz wird schnell, unparteiisch und unentgeltlich

In Rheinbach stoßen die fortschrittlichen Kräfte im Oktober auf hartnäckigen Widerstand, der durch die Ablösung des zu eigenmächtig handelnden J. B. Geich erleichtert wird. Er war als selbst ernannter Kommissar die treibende Kraft gewesen, was dem Kommissionspräsidenten Shee zu weit ging, so dass er den Gerichtsschreiber Peter Nachtsheim bevollmächtigte. Geich übernahm in Bonn eine neue Aufgabe als Präsident des Generalkomitees der Cisrhenanischen Föderation.

Die Cisrhenanen-Bewegung 1797 im Rheinland

Die Aktivisten in Rheinbach standen nicht allein. Sie waren Teil der revolutionären Strömung, die sich im Herbst 1797 zu einer Massenbewegung entwickelt hatte. Ihr Rückgrat bildeten politische Clubs, die miteinander in Verbindung standen und durch sogenannte Korrespondenzbüros propagandistisch auf die Öffentlichkeit einwirkten. Sie sahen ihre Aufgabe in der Gründung einer eigenen Republik unter dem Namen Cisrhenanien. Sie sollte die alten linksrheinischen Territorien zwischen Kleve und Speyer umfassen und entsprach im Frühjahr 1797 den außenpolitischen Absichten der Pariser Direktorialregierung. Die Mehrheit unter Carnot sah in der Schaffung eines Pufferstaates auch die Möglichkeit, außenpolitisch zu einem Friedensvertrag mit Österreich zu kommen. Bei der Wortschöpfung und im Selbstverständnis hatte man die italienischen Vorgänge zur Schaffung der Republik Cisalpinien als Vorbild genommen.

Die republikanischen Volksgesellschaften warben in Unterschriftenkampagnen und mit Hauswurfsendungen erfolgreich für eine freie Republik. Aus Koblenz berichtet man begeistert von Tausenden von Unterschriften aus dem Hunsrück und der Mosel, und das Bonner Korrespondenzbüro spricht von zehntausenden Anhängern in den Patriotischen Gesellschaften. Unter dem Begriff des Patrioten wird nicht mehr ein Mann verstanden, der sein Vaterland, in dem er geboren und erzogen war, trotz allen seinen Mängeln liebte und Hass gegen jedes andere Volk trug. Jetzt machen der Nationalstolz und Nationalhass keine Ingredienzien mehr aus. Der Patriot muss als Kosmopolit die Sachen der Menschheit lieben. Für ihn ist die Welt sein Vaterland, alle freien Menschen sind seine Brüder Der Patriotismus wird dann zum Republikanismus, wenn unsere Überzeugungen so richtig werden wie unsere Gefühle warm sind. (ZS FrdFr/April 1798)

So ist es in der in Bonn seit November 1797 erscheinenden Zeitschrift Der Freund der Freiheit (ZS FrdFr) nachzulesen. Sie ist das beste Spiegelbild der Ideen und Ziele, wie sie damals an Rhein und Mosel propagiert wurden. Über die Presse wird auch am 13. November 1797 eine „Souveränitätserklärung des Volkes zwischen Maas, Rhein und Mosel (Acte de souverainité du peuple entre Meuse, Rhin et Moselle) verkündet. Sie ist geschehen in Bonn im Auftrag des hierzu von allen Centralausschüssen der Föderation der Patrioten des linken Rheinufers bevollmächtigten Generalausschusses. Darin heißt es u. a.: Ohne Ausübung demokratischer Grundsätze gibt es kein Gemeinwohl … Die Patrioten, welche das Volk … durch die Wiedereroberung der unveräußerlichen Naturrechte repräsentieren, …proklamieren: Das Volk … verbindet sich, um seine politische Independenz zu sichern, mit dem Französischen Volke und inkorporiert sein Gebiet mit jenem der Republik … Die Verbindung mit dem Deutschen Reich ist für immer aufgehoben … Das Volk dieser Länder wird nie gegen das deutsche Volk, wiewohl es sich von demselben trennt, die Gefühle der aufrichtigen Bruderliebe verleugnen…

Der Autor dieser Proklamation ist vermutlich der uns aus Rheinbach bekannte J. B. Geich. Seine Gedankengänge und Forderungen darf man als Essenz der vorherrschenden öffentlichen Meinung betrachten, sie hatte das Potenzial in praktische Politik umgesetzt zu werden und lag auf der Linie der Intermediär- oder Mittelkommission (commission intermediaire). Diese Zentralbehörde der französischen Militär- und Zivilverwaltung für das Rheinland hatte ihren Sitz nicht in Köln, sondern im ehemaligen Palais Metternich in Bonn, der alten kurkölnischen Regierungsstadt und dem Zentrum des aufklärerischen Geistes. Die Wahl des Ortes setzte bereits ein Zeichen. Das fünfköpfige Gremium arbeitete unter dem irischstämmigen Henri Shee, einem engen Vertrauten und Freund des Oberbefehlshabers Hoche. Die Ziele der einheimischen Volksbewegung und die Politik der Sieger, die sich als Befreier fühlten, waren noch deckungsgleich. Im Oktober und November 1797 wehte in immer mehr Orten die cisrhenanische Bundesfahne in Grün-Weiß-Rot und im Bundeslied wurde die Freiheit am Vater Rhein gefeiert mit der Begründung: es wiegt der Franken Bürgerkranz, ein Dutzend Kronen auf.

Historisches Bild: Bonner Freiheitsbaum
Historisches Bild: Bonner Freiheitsbaum

Im Denken und Fühlen der einheimischen Akteure hatte die neue Staatsidee/-gründung ihren wichtigsten Förderer und Beschützer in der Person des Commandant en chef der Maas-Sambre-Armee. Für ihn scheint ein rheinischer Frei-/Sonderstaat mehr als eine strategische Option der französischen Außenpolitik gewesen zu sein, wenn er die regionalen Initiativen an  Shee mit den Worten kommentiert wirken (6. August 1797) Poussez donc à la roue de toutes vos forces et faites-nous des pays entre Meuse et Rhin une belle et bonne république. Der junge General Lazare Hoche – 1768 geboren, hatte die Unruhen in der Vendee siegreich beendet und war für die geplante neue Militärexpedition gegen England vorgesehen. Während des vom Direktorium geplanten Staatsstreichs im Juli 1797 führte er seine Truppen auf Paris und war bereits der designierte Kriegsminister, musste aber zurückstecken. In der Literatur wird Hoche als leuchtendes Beispiel eines revolutionären Demokraten (l’incarnation la plus brillante de la démocratie francaise pendant la première époque de la Revolution) angesehen und man lobt seine außerordentliche organisatorische und diplomatische Begabung.

Lazare Hoche (zeitgenössisches Bild)
Lazare Hoche (zeitgenössisches Bild)

Man darf die Generäle Lazare Hoche wie Napoleon Bonaparte zu den politischen Militärs zählen, ihr Verhalten entschied über die Machtverhältnisse in der Hauptstadt. Sie waren Mitbewerber und nur der Tod am 19. September 1797 infolge einer akuten Atemwegserkrankung beendete die vielversprechende Karriere des bei seinen Soldaten hoch verehrten Hoche, des Bonaparte du Rhin. Die rheinischen Cisrhenanen empfanden das frühe Ende als schicksalhafte Wende. Sie verloren einen der entschiedensten Befürworter auf französischer Seite und ihr Sprecher zieht im FrdFr am 15.11.1797 die Bilanz: Die Föderation bildete sich bei ihrem Anfange nicht so sehr durch reifüberlegte Pläne als durch die Sympathie gleichfühlender Herzen aus Patrioten Der General Hoche stellte sich ganz offenbar als Beschützer der Föderation dar… Nun hätte es keine vierzehn Tage mehr gebraucht, und der Sieg der Freiheit wäre vollkommen gewesen. Allein das grausame Schicksal, das Frankreich einen seiner Helden raubte, raubte dem werdenden freien Volke seinen Vater. Hoche starb, und mit ihm verschwanden alle Früchte unserer Freiheit….

Was wie ein enttäuschter Abgesang klingt, ist aber nicht das Ende der gesellschaftspolitischen und staatlichen Hoffnungen. Der „Republikanismus“ der Neuerer zielte nicht vorrangig auf die Staatsgründung, sondern die neu erworbenen gesellschaftlichen Freiheiten, es ging ihnen zuerst um die an den Menschenrechten orientierte Sozial- und Rechtsordnung. In Geichs Souveränitätserklärung hatte es geheißen: Ihr Zweck war Freiheit; diese konnte entweder durch Gründung eines eigenen Freistaates unter dem Namen Cisrhenanische Republik oder durch Anschließung oder Vereinigung mit der Französischen Republik erreicht werden …Allein sie sahen zugleich ein, dass sie erst frei sein mussten, ehe sie sich an ein anderes freies Volk anschließen und mit demselben verbrüdert zu werden verlangen könnten.

Und im zeitgleich erschienenen „Aufruf namens der cisrhenanischen Föderierten an die Einwohner von Koblenz“ zu Zielen u. Beweggründen steht zu lesen: Die französische Republik will keine abhängige Sklavenprovinz, wenn sie den Rhein für ihre Grenze fordert, sie will, was wir wollen, sie will freie Männer unterstützen, wir sollen mit ihr eins sein…

Es darf folglich nicht verwundern, dass auch nach dem Staatsstreich vom 4. September 1797 die revolutionäre Massenbewegung nicht erlahmte. In Paris hatte man mit Hilfe von Truppen Bonapartes durch einen Putsch gegen die neu gewählte konservativ-royalistische Mehrheit in den Kammern die Macht übernommen – auch, um einer möglichen Anklage zuvorzukommen. Ein Triumvirat unter Reubell, LaReveliere und Barras betrieb nun die Eingliederung des linken Rheinufers. Der Verzicht auf eine eigene rheinische Republik war aber auch dem Frieden von Campo Formio (17. Oktober 1797) geschuldet, in dem der Kaiser die Rheingrenze anerkannte.

Man darf feststellen, dass die französische Außenpolitik in diesen Jahren inkohärent war und keineswegs auf die Gallien-Doktrin und damit die Rheingrenze festgelegt war. Es gab zahlreiche französische Pläne und Memoranden zu Tochter- bzw. Schwesterrepubliken (1796 z B für eine Fränkische Republik rechtsrheinisch, 1798/99 Badische Republik, 1797 Cisrhenanische Republik) Zufällige biographische Geschehnisse – wie der zu früh entschiedene Machtkampf zwischen den Rivalen Hoche und Napoleon oder militärische wie innenpolitische Wechselfälle in Frankreich machten die staatliche Entwicklung am Rhein unvorhersehbar. Wie offen die rheinische Zukunft noch war, belegen die Worte aus Shees Abschiedsrede, wenn er Deutsche und Franzosen als nations de frères zum Miteinander aufruft oder wenn Joseph Görres in seinem Aufruf vom 30.November 1797 von einem Handelsraum um Rhein und Rhone schwärmt, in dem die Freistaaten Europas zusammenfinden und in deren Hanse Frankreich den Vorsitz hat. Das Mittelländische Meer wird unseren Spekulationen offenstehen, Afrika und die Levante …

Der Einfluss von Kants Schrift vom Ewigem Frieden (1795) war groß, er prägte die Vorstellungen von einem Republikanismus auf deutschem Boden. Die intellektuelle Elite wie ein Anarchasis Cloots in Kleve, ein A. J. Dorsch/Mainz, ein Franz Dautzenberg/Aachen, Georg Friedrich Rebmann und Christian Sommer/Köln war überzeugt, dass eine Weltrepublik durch einen Völkerbund von freiheitlichen Staaten möglich sei.

Wie aus der Freistaatsidee die Reunion wurde – von der Cisrhenanen- zur Adressbewegung 1798

Als mithin am 17. Dezember 1797 der neue französische Sonderbeauftragte, der Kommissar Francois Joseph Rudler, ein Elsässer, am Bonner Freiheitsbaum die grün-weiß-rote cisrhenanische Flagge niederholen ließ, war das für die rheinischen Republikfreunde keine Niederlage. Man war bereit, sich auf die französische Behördenorganisation/Administration mit der Gliederung nach Departements einzustellen. Aus den Volksgesellschaften, den Trägern eines Cisrhenanenstaats, wurden im Frühjahr 1798 die Reunionszirkel, die unter der Bevölkerung für den Gedanken des Anschlusses warben. Als am 21. Februar 1798 die Bonner Gesellschaft schloss, tröstete man sich mit den Worten der Patriot ist nicht an einen Fleck Erde gekettet, nein, die Welt ist sein Vaterland, alle freien Menschen seine Brüder, an dem Orte, den er verlässt, wo er bisher Menschenglück verbreitete …Nun tritt sein Freund in seine Fußstapfen…und so entsteht ein patriotischer Gemeingeist, durch den alle freien Staaten unüberwindlich werden, so werden Völker verbrüdert…

Dieses Politik- und Stimmungsbild zeichnet ein Presseorgan, das wie kein zweites die damaligen Nachrichten atmosphärisch und inhaltlich genau wiedergibt, nirgendwo erfahren wir mehr über das Ideengut und die Akteure, über die Revolutionsfeste und die Teilnehmer: Sie nennt sich Der Freund der Freiheit – Eine patriotische Zeitung für das Land zwischen Maas und Rhein. Der verantwortliche Redakteur und häufige Berichterstatter ist J. B. Geich.

In den Monaten März bis Mai 1798 werden auf dem Land die Freiheitsbäume gepflanzt und revolutionäre Volksfeste begangen – so in Meckenheim und Esch, in Kuchenheim und Groß-Büllesheim, in Münstereifel, Lechenich und Ahrweiler.

Hier einige Fallbeispiele. Am 14.3. liest man: Auch die Bewohner des Dorfes Esch haben bewiesen, dass nicht Sklavensinn ihre Herzen gefesselt hält, dass sie wert sind, mit der Mutterrepublik einverleibt zu werden…. (Es) versammelte sich die ganze Gemeinde, um den Freiheitsbaum zu pflanzen … Präsident Eschweiler und andere aus Bonn (waren) eingeladen und eine Menge Landleute der umliegenden Gegend ebenfalls (dabei)… (Nach dem) Donner des kleinen Geschützes und Läuten der Glocken… (hielt) Bürger Alef aus Bonn eine passende Rede … es wurde in Reihen um den Freiheitsbaum getanzt und ein Freiball im Gemeindehaus gegeben. Am 2. 4. erteilt die Zentralverwaltung in Bonn der Gemeinde Esch und dem Bürger Alef sogar ein Lob, da sie sich durch besonderen Republikanismus auszeichneten. Aus Kuchenheim heißt es am 15.3.: …ward mit dem nämlichen Gepränge der Freiheitsbaum gepflanzt … patriotische Lieder … Rede des Bürgers Alef, die die lauschenden Volksfeinde von den Fenstern jagte, welche öffentlich dem Fest beizuwohnen nicht den Mut hatten, weil ihr böses Gewissen sie verfolgte, auch mitunter fürchteten, die Wahrheit anhören zu müssen!

Die Meldungen verdienen die Aufmerksamkeit des heutigen Lesers. Sie geben einen reportagehaften Einblick, wie die revolutionären Volksfeste auf dem Land im kölnischen und Bonner Umland begangen wurden. Sie zeigen, wie unterschiedlich die Veranstaltungen und Zeremonien abliefen. Sie nennen die Namen der Akteure – und geben damit interessante soziologische Aufschlüsse über die Dorfgesellschaften. Dort, wo jeder jeden kennt, wirkt das lange nach. Man erfährt, wie erbittert die Meinungen aufeinanderprallten.

Mit der Jahreswende 1797/98 hatte das revolutionäre Frankreich endgültig die Herrschaft am Rhein übernommen. Der Regierungskommissar Rudler sollte im Auftrag von Paris durch seine Vertreter in den entstehenden vier Departements am linken Rhein die Zustimmung der Bevölkerung für den Anschluss an Frankreich einholen. Aus den cisrhenanischen Volksfesten wurde in den Monaten April bis Juli 1798 eine Unterschriftenkampagne. In jedem der neu errichteten Kantone war dafür ein Kommissar zuständig. Republikanische Einwohner – sie wurden nicht bezahlt, warben als Munizipalagenten unter den Ortsansässigen für die Reunionsadressen. Ein Zwang sollte nicht ausgeübt werden und der Wortlaut der Erklärungen geriet unterschiedlich und war abhängig von Person, Bildungsstand oder lokalem Umfeld. Nur Haushaltungsvorstände und Familienväter waren unterschriftsberechtigt, Berufsangaben finden sich nicht. Der politische Grundkonsens/Generallinie dürfte sich mit dem decken, was aus Ahrweiler berichtet wird: Cisrhenanien als Teil des fränkischen Freistaates nimmt morgen …Anteil und es wird durch seine Teilnahme beweisen, wie sehr seine Bewohner es verdienen, unter die Kinder der großen Republik aufgenommen zu werden.

Tabellarische Übersicht der Reunionsadressen 1798 (in Auswahl)
Froitzheim/Bürvenich unter Munizipalagent F. Trimborn = 19 Unterschriften,
Gemünd/Heimbach = 52 Unterschriften,                 
Köln = mehrere Listen, zusammen 1991 Unterschriften,
Lechenich = 38 Unterschriften, 
Zülpich (incl. EU) unter Munizipalagent Joh.Wilh. Krüppel = 102 Unterschriften,
Rheinbach unter Munizipalagent J. Fingerhut = 47 Unterschriften und später Agent Sartor = 221 Unterschriften,
Flamersheim unter Munizipalagent Fr. Schmitz = 129 Unterschriften,
Flerzheim unter Munizipalagent L. Giffel = 103 (incl. Morenhoven) Unterschriften,
Kuchenheim unter Munizipalagent C.A. Fingerhut = 93 Unterschriften,
Meckenheim unter Munizipalagent H. Decker = 107 Unterschriften,
Münstereifel unter Munizipalagent Nachtsheim = 245 und Iversheim = 151 Unterschriften,
> merke: Ahrweiler, Andernach + Bonn + Koblenz = keine Adressen!

Im Ergebnis gibt die Adressbewegung ein Bild der ersten politischen Meinungsäußerung der rheinischen Bevölkerung. Die Zahlen dürfen nicht vorschnell oder voreingenommen an einem absoluten Maßstab ausgerichtet werden muss, die Angaben müssen richtig gelesen werden. Wenn insgesamt 56735 Haushaltungen von ca. 250 000 unterschrieben, stellt das eine erhebliche Größenordnung dar. Dabei von einer kleinen Minderheit zu sprechen – wie häufig in der Literatur, ist nicht gerechtfertigt.  Demoskopische Rückschlüsse auf die Reunionsadressen müssen am Einzelfall überprüft werden.

Manche Gemeinden und Städte haben keine Listen vorgelegt. Für Bonn, das ein cisrhenanisches Zentrum war und wo J. B. Geich als Kommissar warb, ist eine Gemengelage aus persönlichen Animositäten – auch zwischen den Neuerern (Geich) und dem hartnäckigen Widerstand der einflussreichen Konservativen (Kyll u.a.) wohl ausschlagend gewesen. Wenn ganze Gemeinden ausfallen, bedeutet das nicht das Fehlen eines revolutionären Milieus Es gab unterschiedliche Gründe für den Erfolg oder Misserfolg. Einige Beispiele: Kuchenheim hatte damals etwa 117 Häuser, bei 93 Unterschriften haben also die allermeisten Haushaltungen mitgemacht! Ähnliches gilt für Flamersheim, Iversheim und Münstereifel wie Rheinbach. Die Texte, die den Unterschriften vorangestellt werden, liefern wechselnde Erklärungen für die Bitten nach Reunion. Der Kantonskommissar Peter Nachtsheim scheint die protokollartigen Adressen aus den Dörfern um Rheinbach geschrieben zu haben. Darin wird die Hoffnung auf Anschluss an Frankreich nachdrücklich mit der Forderung nach Befreiung von den Feudallasten verbunden. Während sich hier ein sozialrebellischer Geist zeigt, belegen die zahlreichen zustimmenden Listen vom Niederrhein und dem Aachener Raum eine historische Herleitung der Reunionsbitte. Die Einwohner wollen mit den Franken wiedervereint werden, man sieht in den Rheinländern die Rheinfranken. Sie bilden mit den Franzosen eine Familie und die Schlacht Chlodwigs bei Zülpich wird ideologisch zum Vereinigungsmythos verklärt. Der Wunsch nach Zugehörigkeit zum neuen Frankreich wird aber nicht als Anerkennung einer Annexion verstanden oder Eingliederung in eine ethnische Nation, man fühlt sich nicht als Glied eines Volksstamms, sondern will Staatsbürger, Citoyen,  eines weltbürgerlichen Staatswesens des Jahres III sein. Jos. Görres dürfte Recht gehabt haben mit seiner Meinung: Die französische Revolution gibt uns die Hoffnung, glückliche Bürger zu werden, und die Geisterrevolution der Deutschen gewährt uns die Aussicht, vollendete Menschen zu werden.  „Dass man aus nationalem Bewusstsein die Unterschrift versagt hat, kommt nirgendwo zum Ausdruck. Gerade Intellektuelle mit weiterem Horizont, überzeugte Republikaner (wie Geich, Dautzenberg, Görres), die die deutsche Geisteskultur des Zeitalters besonders hochschätzten, zeigen noch kein Bedürfnis nach deren nationalpolitischer Ausprägung, hoffen vielmehr, dass sie zunächst fördernd auf Frankreich und auf die von ihnen erstrebte Weltrepublik unter französischer Führung einwirken werde.“ (Jos. Hansen)

Die Akteure und das sozial-kulturelle Umfeld — Wie es zu ländlichen Lesegesellschaften und Religionsclubs kam 

Dass die öffentliche Stimmung am Rhein nicht mehrheitlich von den revolutionären Demokraten bestimmt wurde, darf nicht verwundern. Anders als in Frankreich war die alte Landesherrschaft zu Reformen bereit gewesen. Die Bevölkerung wartete eher ab, man hatte in diesen Jahren gelernt, mit den militärischen und politischen Wechseln zu leben. Und vor allem – die Einquartierungen und Kontributionen lasteten schwer auf der Bevölkerung.  Man muss feststellen, dass die gesellschaftlichen Spannungen zugenommen hatten. Der Riss zwischen den Anhängern der alten Ordnung und den Neuerern ging bis in die Dorfgemeinschaften, und besonders erstaunlich war, dass auf dem Land so heftig gestritten wurde. Wie sehr die Lager sich befehdeten, spiegeln denunziatorische Namenslisten, die im Frühjahr 1799 kursierten. Sie waren beispielsweise betitelt mit Alphabetisches Verzeichnis der in der kurfürstlichen Residenzstadt Bonn wohnenden Freiheitsschwärmer, Vaterlandsverräter und Stifter der verunglückten Cisrhenanischen Republik, die seit dem Einmarsch der französischen Truppen … als Auswürflinge der deutschen Nation zum Abscheu und Verachtung eines jeden biederen Deutschen öffentlich bekanntgemacht zu werden verdienen. Oder nannte sich in Koblenz Species facti und conduit der treulosen Bürger oder sog. Klubisten und Jakobiner nach Hausnummern eingetragen … Die Verzeichnisse sparten nicht mit gehässigen Zuschreibungen und umfassten mehrere hundert Personen, aber auch aus dem Umkreis der Revolutionsfreunde gab es Vergleichbares. Aus Zülpich schickt der Kantonskommissar Joh. Wilh. Krüppel ein Verzeichnis mit Namen von 62 Verdächtigen attachés à l’ancien ordre de choses soit par l’intérêt soit par principes.

Der Kampf um die politische Vorherrschaft wurde bei den Konservativen von den traditionellen Amtseliten geführt, die Revolutionsanhänger stützten sich auf neue Organisationsformen. Ihre Sprecher und Sachwalter waren die Lesegesellschaften, Clubs und Volksgesellschaften – oder wie Görres behauptet: Volksgesellschaften beginnen mit Erfolg liberale Grundsätze unter die Masse des Volks zu verbreiten. Sie bildeten (1797/98) den Kern der revolutionären Kultur im Rheinland. Zwischen Kleve und Speyer waren es 19 Klubs – der Koblenzer dürfte mehr als 500 Mitglieder gehabt haben. Dass sie in den ländlichen Gemeinden wie hierzulande existierten oder sogar schon vor 1789 gegründet waren, ist ein auffälliges Phänomen, das erklärt werden muss. Am Beispiel des Kuchenheimer Religionsclubs lässt sich am besten aufzeigen, wie ein emanzipatorisches Sozialmilieu entstand und warum Rheinbach und sein Umland so empfänglich für die Revolution waren. Die Geschichte und Ziele der Gruppe sind quellenmäßig gut erfasst, ihre Rolle für die rheinische Revolutionsgeschichte wurde aber noch nicht ausreichend in den Blick genommen.

Ein Vorläufer scheint der 1770 in Dom-Esch von dem Wirt Hubert Fingerhut gegründete „Verein für Bibelforschung“ gewesen zu sein, der ab 1789 zu einem politischen Debattierclub wurde. Sein Sohn Jost F. übte öffentlich/vor Publikum scharfe Kritik an Adel und Staatseinrichtungen, Kirche und Klöstern. Zeitgleich war der Großbüllesheimer Arzt Dr. Schmoll mit aufklärerischen Vorträgen über Gesundheit und Politik unterwegs.

Im Mai 1792 zeigte das Domkapitel dem Kurfürsten an, dass die Aufgeklärten in Esch und Kuchenheim einen Klub haben, der sich mit religiösen und kirchenpolitischen Fragen (Fegefeuer, Bilderverehrung, Transsubstantiation) beschäftige. (Hansen) Die Gruppe verbreite häretische Gedanken, allen voran ein Pursch von 23 Jahr und seiner Profession ein Schneider‘, Matthias Hartzheim aus Esch. Weitere Mitglieder des Clubs seien aus Kuchenheim: Dionys Schophoven, Hermann Schophoven, Jakob Nelles (Händler), Peter Jos. Fuss (Schreiner), Engelbert Weisskirchen, Joan Cremer (Schuster) und Joan Müller (aus Rheinbach) Der angestrebte Vergleich mit der Obrigkeit kommt ein Jahr später nicht zustande, sie verweigern die Unterschrift. Dion. Schophoven will lieber das Dorf räumen und J. Nelles lieber keine Religion, als sich selbst verschämen.

Das vorrevolutionäre Unruhepotenzial in den Städten wie Köln und Aachen ist bekannt. Zunfthandwerkerschaft gegen Landhandwerker und Verlagswesen, Zünfte und alte Eliten gegen Kaufleute, Fabrikanten, Aufklärer und Freimaurerei bestimmten das Bild in den 1780er Jahren. Aber ebenso rumorte es auf dem Land. Man war viel aufsässiger, als bisher angenommen – und das war auch ein Ergebnis der Volksaufklärung. Wie in vielen deutschen Regionen hatte sich im Rheinland ein volkstümliches aufgeklärtes Wissen verbreitet. Der „gemeine Mann“ sollte zum guten Hausvater und Landwirt erzogen werden, die „niederen Volksklassen“ erhielten eine elementare Ausbildung in Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Alphabetisierung war so weit fortgeschritten, dass ca. 90 % der Männer und 60 % der Frauen im Mittelrheingebiet ihre Heiratsurkunden unterschrieben, die Masse der Bevölkerung war also elementar lesekundig. Im Schulhaus in Kuchenheim z. B. erteilte 1778 der ehrsame Magister Joh. Jos. Wisskirchen (aus Miel) den Unterricht und der Pastor Christian Thelen hatte ihn angestellt. Es konnte nicht ausbleiben, dass mit dem Nutzendenken und dem Appell an die Vernunft die Religion und ihre Bräuche hinterfragt wurden. Nicht nur aus dem Amt Hardt, auch aus Kommern, Zülpich und Meckenheim wird berichtet (1792), dass die Bauern anfingen, ihre Pfarrer zu verachten und öffentlich über Religionsübungen zu spotten.

Die Religions- und Kirchenkritik der dörflichen Klubs wird beflügelt durch die räumliche Nähe zur Bonner Hochschule, einem Mittelpunkt aufklärerischen Denkens. Gerade für unser Untersuchungsgebiet ist die Strahlkraft des intellektuellen städtischen Zentrums unübersehbar. Die neu geschaffene Akademie glänzte mit ihren Professoren, unter denen vor allen der Theologe und Philosoph Eulogius Schneider seine Schüler und Zuhörer (seit 1789) begeisterte. Ihm war wie anderen Hochschullehrern an der Idee der Volksbildung gelegen. Vorschlag zur Verbreitung wahrer Aufklärung unter allen Ständen lautete ein programmatischer Titel. Die größte Breitenwirkung erzielte Schneiders Katechetischer Unterricht in den allgemeinen Grundsätzen des praktischen Christentums (Bonn Abshoven 1790 /18.Juli). Nach den Prozessakten zu urteilen waren die Aussagen dieser indizierten Schrift die Grundlage für die Diskussionen im Kuchenheimer Klub, und es scheint auch persönliche Kontakte zu dem Bonner Professor gegeben zu haben. Der soll nach seiner Amtsenthebung zeitweise in Esch gewohnt und seine Ideen dort ausgestreut haben, und von örtlichen Revolutionären (Andreas Alef, Peter Nachtsheim) wissen wir, dass sie seine Schüler waren.

Was geblieben ist – Nachwirkungen 1848 und 1923

Die cisrhenanische Republik ist zwar nicht verwirklicht worden, aber die Ideen von 1789 und die napoleonische Epoche, als das Rheinland ein Teil des französischen Staatsgebiets war, haben ihre Spuren hinterlassen. Die Orte, wo erstmals der revolutionäre Geist auffällig hervorgetreten war, blieben auch in den nachfolgenden Umbruchzeiten die Zentren von Auflehnung und neuem Denken. 1848 kam es zu zahllosen Übergriffen gegen staatliche und kirchliche Funktionsträger. Die Berichte über die Unruhen in den Dörfern unseres Kreisgebiets legen die Vermutung nahe, dass in den Katzenmusiken (Charivaris) und Aufläufen gegen missliebige Amtsträger, den Beschädigungen öffentlicher Einrichtungen und Streiks sowie den öffentlichen Versammlungen eine traditionelle anti-autoritäre Protesthaltung wieder auflebte.

In einem späteren, noch unveröffentlichten handschriftlichen Manuskript aus Dom-Esch wurde über die dörflichen politischen Versammlungen 1848, die von „unbemittelten Bürgern“ (nicht den „sesshaften Bauern“) besucht wurden, folgendes Bild entworfen: Man hoffte in Esch und in den umliegenden Dörfern, dass es wieder so zugehe wie 1794. An der Spitze habe der Arzt Dr. Fingerhut, ein Sohn des gleichnamigen „Jakobiners“, gestanden. Neben ihm agitierten der Uhrmacher Joh. Peter Uhr und ein aus dem Dienst entlassener Schullehrer Peter Jos. Küster. In Groß- und Kleinbüllesheim hatte der stellenlose Schullehrer August das Wort, in Kuchenheim und Weidesheim die Herren Esser vom Kreitzhof und Nürnberg, in Flamersheim, Palmersheim und Odendorf war der Advokat W. J. Scheiff der Anführer. Die örtlichen Sprecher hatten Kontakt zu G. Kinkel und C. Schurz, den akademischen Bonner Demokraten.

Der Pfarrer von Großbüllesheim/Esch hält im Kirchenbuch fest: Viele aus dieser Pfarrei waren 1848 und 1849 arge und öffentliche Demokraten und Kommunisten. Es war ein Hauptclub hier, worin alle die nichtsnützigen Schriften … gehalten und verschlungen wurden… Ein abgesetzter Schullehrer, der arm war wie Job (und) der das Los der armen Leute verbessern wollte, war ein Anführer dabei. Und zu 1853: … wo der Demokratismus und Kommunismus wie eine Sonne hier aufging… Und diese Leute waren viele!

Er wäre aufschlussreich, in den Krisenjahren der Weimarer Republik – vor allem 1923, einen Blick auf die Sympathisanten der Rheinstaatsidee zu werfen. In den bekannten Dörfern finden wir unter den sog. Sonderbündlern manche Namen, die schon in den Revolutionszeiten auftauchen. Eine Pauschalabwertung der Sonderstaatanhänger und Separatisten als Vaterlandsverräter überdeckt die vielschichtige Motivlage und eine Verwurzelung der Anhänger im ländliche Sozialmilieu, das weit zurückreichende (partei-)politische Traditionen besaß.  

Johann Baptist Geich (1764-1824)Wie und warum ein Aufklärer und Revolutionär scheiterte          

Die Schlüsselfigur des Rheinbacher Geschehens und ein Wortführer der Cisrhenanen – vielleicht der maßgebendste, war Johann Baptist Geich. (Leider haben wir kein Porträt von ihm.) Nichts ist ohne ihn verständlich zu machen, nichts macht aber auch das Scheitern der Bewegung erkennbarer. Er verkörperte und lebte die Idee einer rheinischen Republik wie kein anderer – er war ihr Vordenker und Publizist, ihr Akteur und Protagonist, ihr Berichterstatter und Chronist.

Der Sohn eines aus Lechenich zugewanderten Schneidermeisters wurde 1764 in Köln geboren. Er besuchte die heimische Universität, machte den Magister Artium und ein Theologiestudium und arbeitete nach der Priesterweihe 1790 als Katechist, als solcher unterhielt er eine freundschaftliche Beziehung zu Eulogius Schneider. Sein besonderes Interesse galt der Geschichte und der Philosophie Kants. Wahre Aufklärung sei die Verbindung von Sittlichkeit und Selbstdenken. Der Staatszweck sei weniger die allgemeine Wohlfahrt, sondern müsse zuerst die persönliche Veredlung durch vernünftige Selbsttätigkeit anstreben, also den guten Menschen. So positioniert er sich schon 1794 im Verhältnis zur Revolution und das blieb eine Grundrichtung seiner unermüdlichen Publizistik. Er wurde der Herausgeber der ZS Pharos, er verantwortete 1795 das Bonner Intelligenzblatt und die ZS Dekadenschrift. Seine Rolle als Kolumnist und Autor gipfelte 1797/98 in den Beiträgen der ZS Freund der Freiheit. Sie bezeugen Geich als leidenschaftlichen, gebildeten Aufklärer und kämpferischen Politiker, der auch vor Polemik nicht zurückschreckt. Die Artikel sind eine unverzichtbare Quelle für die gesellschaftlichen Vorgänge in Stadt und Land.

Sein geradezu missionarischer Einsatz für die Sache der Republik brachte ihm beruflich nicht den erwartbaren Karriereerfolg und sicherte ihn finanziell nicht ab. Er musste sich anfangs als Privatlehrer durchschlagen. In Köln arbeitete er 1794/95 auch als Sekretär des Überwachungsausschusses. Vom zeitweiligen Munizipalbeamten in Ahrweiler wechselte er zum selbsternannten Kommissar in Rheinbach. Als Sekretär bei der Bonner Volksgesellschaft sollte er 1797/98 die Stadtverwaltung überwachen und bei der Cisrhenanischen Föderation war er als Präsident des Generalkomitees tätig. Er wurde Mitglied der Bonner Lesegesellschaft und wohnte im Haus Nr. 725 und später in Nr. 833 auf der Josephstraße. Ehrenamtlich bemühte er sich, Ordnung in die Finanzen der Stadt zu bringen, für eine gerechte Steuerverwaltung zu sorgen u die Bevölkerung vor Übergriffen des Militärs zu schützen. Aber „für entschiedene Republikaner seines Schlags war in der Ära Napoleons kein Platz mehr.“ (Kl. Müller) Er wurde nicht als Professor angestellt und ließ sich als Advokat in Bonn nieder. Nach seiner Heirat 1802 war er in Münstereifel kurzfristig tätig und ab 1805 mit seiner Familie in Rheinbach, als Advokat ist er dort 1824 in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen gestorben. Nach seinem Biographen gehört J. B. Geich zu den politisch gescheiterten deutschen Patrioten und steht beispielhaft für eine Generation idealistisch gesonnener Republikaner. Man darf hinzufügen: er war mehr politischer Denker und Idealist als Real- oder gar Machtpolitiker.

Es hätte auch anders kommen können – Fragen und Anmerkungen zu Nation und Volk

Waren die Ziele der Cisrhenanen zukunftsfähig?Die Fragen, die sich auch heute stellen, lauten: Wie verbreitet waren Ideen von der Nation als (Willens-)Gemeinschaft von Patrioten (aufgeklärten Freiheitsfreunden)? Wie realistisch waren Vorstellungen von einer Föderation? War die universalistische Befreiungsdoktrin nicht nur 1792 die Position Frankreichs, sondern bot sich 1797 eine größere Chance?

Es bleibt festzuhalten: Das Projekt ist nicht verwirklicht worden, die Geschichte hat einen anderen Verlauf genommen, es ist anders gekommen. Das republikanisierte Rheinland wurde ein napoleonisches; nach den Befreiungskriegen wurde die Wacht am Rhein zur nationalen Aufgabe; statt der Völkerfamilie entstand die Erbfeindschaft; aus Patrioten wurden Nationalisten. Trotzdem darf die These aufgestellt werden: Rheinbach ist keine belanglose Fußnote der Geschichte, die Ideenwelt der Cisrhenanen – und das wird als Sammelbegriff für die rheinischen Republikaner verstanden – war zukunftsfähig, es hätte anders kommen können!    

Das Cisrhenanenprojekt 1797 gehört – wie die Mainzer Republik- in die Geburtsstunde der deutschen Demokratie. Wer nur bis 1848 zurückgeht – wie derzeit bei Gedenkveranstaltungen der Anschein erweckt wird, greift zu kurz. Der Entwurf für eine Staatsgesellschaft, die nicht auf einer ethnischen Nation aufbaute, sondern auf einer aufgeklärten Gesellschaft- d.h. freier, mündiger Bürger, war das Kernanliegen. Die Cisrhenanen betonten das weltbürgerliche Ideal, d.h. die Selbstbildung; der Untertan sollte zum citoyen werden und der war anfangs ein Kosmopolit. Wenn die Zeitgenossen fragen: Was ist des Deutschen Vaterland? antwortet Friedrich Schiller: Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens! Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus (Musenalmanach 1797). Und Georg Forster schreibt (am 15. November 1792) zum Verhältnis Rheinland-Frankreich: Wir können zu einem Volk verschmelzen. Unsere Sprachen sind verschieden, müssen es darum unsere Begriffe sein? Liberté und égalité… Der Rhein, ein großer schiffbarer Fluss, ist die natürliche Grenze eines großen Freistaates.

Die Rheingrenze wurde nicht in der Kontinuität der französischen Expansionspolitik gesehen. Die Doktrin der natürlichen Grenzen und eine selbstbestimmte freie Gesellschaft schlossen sich noch nicht aus. Die Vorstellung von der Nation als (Willens-)Gemeinschaft von Patrioten (aufgeklärten Freiheitsfreunden) hatte in der Übergangsperiode zwischen Ancien Regime und neuer Zeit gegenüber der auf Sprache und Herkunft begründeten (romantischen) Kulturnation eine Chance; sie hatte viele Anhänger. Es gab ein Zeitfenster für die Umsetzung!

Das demokratische Gesellschaftsmodell war den rheinischen Republikanern wichtiger als der Aufbau einer internationalen Ordnung. Der nationale Staat, der auf Sprache und Volkstum aufbaute, lag außerhalb ihrer Betrachtungsweise. Ob autonome Republik oder Reunion war keine Frage, die in der machtpolitischen Kategorie der Annexion gedacht wurde. Der Rhein als natürliche Grenze war ein marginales Thema. Trotzdem schwingt das Problem der Staatenordnung immer mit. Perspektivisch erstrebten die Cisrhenanen eine föderative europäische Ordnung von gleichberechtigten Republiken!

Es muss geprüft werden: Die weltbürgerliche universalistische Befreiungsdoktrin war nicht nur 1792 die Position Frankreichs, sondern hatte auch 1797/98 eine Chance. Die république une et indivisible musste nicht in Napoleons Empire enden. Das alternative Modell einer Völkerfamilie als Bund gleichberechtigter republikanischer Staaten war eine realpolitische Option. Die 1790er Jahre waren ein Zeitfenster und ein politisches Labor mit ungeahntem Potenzial. Das Ergebnis ist auch zufallsbedingt, d. h. es hätte anders kommen können! So der Appell der Ausstellung im Museum der deutschen Geschichte: er fordert uns vielleicht zum Umdenken auf.

Anmerkung:

Auf Quellen- und Literaturnachweise ist im Vortragsmanuskript aus Gründen der besseren Lesbarkeit verzichtet worden.

Autor. Dr. Reinhold Weitz

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